John F. und die Gropiuslerchen: #FreiheitBerlin hat eine Hymne

Sommer 1987. Durch Westberlin klingt ein Lied. Und auch „drüben“, in Ostberlin, pfeift man die gleiche Melodie: „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“ von John F. und die Gropiuslerchen. Die Geschichte eines Songs, der seit 30 Jahren zu dieser Stadt gehört.

Diese Geschichte nimmt im Jahr 1986 ihren Lauf. Der Musikverleger George Glück wendet sich an eine Gruppe Kreuzberger Musiker. Die Idee: Einen Song zur 750-Jahr-Feier Berlins zu produzieren. Die Musiker, U.W.A. Heyder und Rainer Konstantin, sitzen in ihrem Studio und fragen sich: „Braucht die Welt noch einen Berlin-Song?" Der Blick auf die Berliner Mauer vor dem Fenster bringt Heyder allerdings auf eine Idee. Er erinnert sich an bekannte Reden von Politikern auf beiden Seiten der Mauer – sollen sie doch zu Wort kommen!

U.W.A. Heyder streift durch die Archive der Stadt und sammelt die berühmten Reden. Zurück im Studio, ist die Struktur des Songs schnell gefunden: Groove, Bass, Politikerstatements. Ein Song, der im Radio laufen soll, braucht jedoch einen guten Refrain und einen Chor. Heyder probiert am E-Piano, wiederholt immer wieder „Berlin, Berlin ...“. Aus der ersten Eingebung, „Berlin, Berlin, lasst uns heute feiern“, wird schließlich der Ohrwurm von heute – „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern.“ Heyder kontaktiert Bernhard Jahn, damals in Berlin bekannt als Chorleiter der „Gropiuslerchen“.

Bernhard Jahn studiert den Refrain mit einer Gruppe von Mädchen aus dem Chor ein. Mit acht von ihnen nimmt Heyder letztendlich das Lied auf. Und Produzent Jens T. Tröndle verpasst dem Song im Studio der Band „Spliff“ den letzten Schliff.

Ein holpriger Start

Anfang 1987 ist es schließlich so weit. Alles steht in den Startlöchern. Doch die Veröffentlichung gerät ins Stocken. „John F. und die Gropiuslerchen“ finden kein Majorlabel, das den Song herausbringen will: zu speziell, zu innovativ, zu viel Haltung, zu provokant.

Mit Jörg Fukking – sein Berliner Indielabel brachte damals gerade eine kleine Berliner Band namens „Die Ärzte" an den Start – gehen die Musiker die Veröffentlichung auf eigene Faust an. Weil für Werbung kein Geld da ist, kleben sie in einer Nacht- und Nebel-Aktion vor dem Release selbst Plakate mit der Liedzeile „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“.

Als die Platte schließlich in den Musikredaktionen der Berliner Sender landet, passiert zunächst – nichts. Wenige Tage später lässt eine Radiopremiere jedoch alle Dämme brechen. „Meines Wissens lief der Song zuerst beim RIAS. Ein engagierter Redakteur konnte die Sendeleitung überzeugen, dass der Titel ins Konzept des Senders passt“, erinnert sich Heyder. Bald läuft das Lied auch beim Sender Freies Berlin (SFB). Die privaten Sender ziehen nach, bis der Song deutschlandweit, in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und sogar Frankreich gespielt wird.

Mehr als ein Popsong

Die politische Aussage des Songs liegt klar auf der Hand. „Berlin, Berlin ...“ ist mehr als ein Popsong. Gorbatschows Glasnost und Perestroika leiten ab Mitte der 1980er Jahre bereits eine Wende ein, als der Song 1987 zum Hit wird. Tageszeitungen schreiben über das Lied, der Titel wird im „Heute Journal“, in der „Tagesschau“ und in den „Tagesthemen“ vorgestellt.

Schon damals bringt das Lied das Wesen Berlins auf den Punkt – noch ehe die Stadt mit dem Mauerfall im November 1989 zum internationalen Symbol der Freiheit wird. „Uns war damals schon klar, dass ein solches Monsterbauwerk wie die Mauer, das sich mitten durch eine Stadt zog, nicht wirklich von Bestand sein konnte“, erinnert sich Heyder heute. „Mr. Gorbachev, tear down this wall!“ schallen Ronald Reagans Worte am 12. Juni 1987 über die Mauer und in den kommenden Jahren überschlagen sich die Ereignisse. 

Am Wendepunkt der Berliner Geschichte

Am Abend des 9. November 1989 sitzt U.W.A. Heyder wieder in seinem Studio in Kreuzberg, als ein Freund anruft: „Die Mauer ist weg!“, tönt es aufgeregt durch die Leitung. Und bereits am 10. November beginnt Heyder, aktuelle Politikerstatements zu sammeln – Kohl und Genscher, Brandt und Momper – und schraubt an einer neuen Version des Songs. Am 15. November 1989 stehen fünf Gropiuslerchen vor der Kamera der ZDF-Hitparade. „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“ ist nicht mehr nur gefühlte Wahrheit, sondern Realität.

Mit der Neuauflage schaffen es John F. und die Gropiuslerchen sogar in die Charts – neun Wochen lang. Und während David Hasselhoff den Soundtrack zur Einheit mit „Looking for Freedom" halbironisch für sich proklamiert und kaum ein TV-Rückblick zum 9. November 1989 ohne „Wind of Change“ auskommt, gepfiffen von Klaus Meine, wird „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“ zur inoffiziellen Wende-Hymne der Berliner. Zur Ode an die Freiheit und das Wissen um ihre Bedeutung für jede Gesellschaft.

Uns war damals schon klar, dass ein solches Monsterbauwerk wie die Mauer, das sich mitten durch eine Stadt zog, nicht wirklich von Bestand sein konnte. (U.W.A. Heyder, Musiker)

30 Jahre "Berlin, Berlin..."

In den kommenden Jahren und Jahrzehnten wird „Berlin, Berlin ...“ immer wieder gecovert. 1994 erscheint die Version „Bonn, Bonn, Bonn“, die raffgierige Politiker aufs Korn nimmt. Kurz nach dem zehnjährigen Jubiläum des Mauerfalls folgt mit „Berlin, Berlin Remixes 2000“ eine Compilation neuer Versionen. Zum 20. Jahrestag des Mauerfalls nimmt sich der deutsche Kabarettist Hans Werner Olm des Songs an. Er formuliert seine Liebeserklärung an ein Berlin, in dem jeder Lebensplan seinen Platz hat. Olm rappt ungelenk, aber auch diese Version ist eine Ode an Berlin, an das Nachtleben, die Sportvereine, die Menschen und die vielen Gesichter der Stadt. Auch Politiker kommen wieder zu Wort – darunter Barack Obama und Klaus Wowereit – und wieder singen die Gropiuslerchen den Refrain: die Chormitglieder der 2000-er Generation.

Drei Jahrzehnte später ist der Song noch immer präsent. In einer Zeit, in der hart erkämpfte Freiheiten weltweit auf dem Spiel stehen, setzt die Initiative #FreiheitBerlin ein Zeichen gegen politische Strömungen, die Mauern zwischen Staaten und Menschen wieder zur Option machen. Eine Version des Songs „Berlin, Berlin ..." , geschrieben und gesungen von Robin Grubert, betont, dass erst die Unterschiede innerhalb einer Stadt eine lebenswerte Vielseitigkeit erzeugen. 

Für eine solche Vielfalt steht Berlin heute international. Und für eine Freiheit, die Menschen aus aller Welt anzieht. U.W.A. Heyder lebt noch immer in Berlin und beschreibt die Stadt als „urbanen Schmelztiegel der Kommunikation, der brodelnden Ideen, tabuloser Meinungsvielfalt, experimenteller Lebensmodelle.“ Die bewegenden Worte seiner Songzeile von 1987 gelten heute mehr denn je: „Berlin, Berlin, dein Herz kennt keine Mauern“.

Fotos ©U.W.A. Heyder und Rainer Konstantin ©Berlin Partner

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