Wat’n ditte? Die Berliner Kunstszene ist vielschichtig und lebendig

„Treffen sich zwei Berliner. Einer ist Künstler, der andere auch.“ So könnte ein Berliner Witz beginnen – und in Witzen steckt immer auch ein Quäntchen Wahrheit. Denn in der Hauptstadt Berlin sind die Chancen auf künstlerische Selbstverwirklichung größer als in anderen Metropolen. Diese Freiheit zieht Kreative aus aller Welt nach Berlin.

Die Kunst, für die Berlin heute steht, ist so vielfältig wie die Stadt selbst. In angesagten Stadtteilen wie Schöneberg, Kreuzberg oder Friedrichshain tanzen Graffiti an den Fassaden. In Berlin-Weißensee beziehen Künstler Ateliers in alten Werkstatthöfen, während sich Studierende in der nahe gelegenen Kunsthochschule mit Themen wie Kunsttherapie und Raumstrategien beschäftigen. Und im Soho House in Berlin-Mitte ziert eine Hai-Skizze von Damien Hirst das Foyer – nur etwa 1,5 Kilometer Luftlinie entfernt von Caspar David Friedrichs Gemälde „Mönch am Meer“ in der Alten Nationalgalerie. Kurzum: Die Berliner Kunstszene ist vielschichtig und lebendig. International gefeierte Stars und die Werke großer Meister locken Besucherinnen und Besucher aus aller Welt in die großen Galerien und Museen. Ein paar Straßen und Häuser weiter jedoch kann man an den ungewöhnlichsten Orten dieser Stadt die ungebändigte, freie Szene erkunden. Hier gilt Beuys: „Jeder ist ein Künstler“ – weil es geht in Berlin.

Mehr als 175 Museen präsentieren heute in der Hauptstadt Kunst und Kulturgeschichte aus allen Epochen. Aber Berlin steht inzwischen vor allem für Gegenwartskunst. Das belegt etwa das im Frühjahr 2017 eröffnete jüngste Museum auf der „Berliner Liste“: Das Urban Nation Museum for Urban Contemporary Art in Berlin-Schöneberg widmet sich mit Werken der Streetart und des Graffitis vergleichsweise jüngeren Phänomenen der Kunstgeschichte. Und auch Events wie die Berlin Art Week, zu der u.a. die Kunstmessen Art Berlin und Positions gehören, das Gallery Weekend Berlin oder Gruppenausstellungen wie Ngoro Ngoro, 2015 erstmals initiiert von dem Maler Jonas Burgert, haben sich bei Freunden, Kennern und Sammlern der Kunst international etabliert. 

Ein wesentlicher Grund dafür sind Initiativen wie Kulturprojekte Berlin. Die Landesgesellschaft bringt künstlerische Ambitionen mit den richtigen Förderern zusammen und bereitet den Weg für Projekte, die nachhallen:  Die Lichtgrenze zum 25. Jahrestag des Mauerfalls oder auch die jährlich stattfindende Lange Nacht der Museen sind erfolgreiche Beispiele.

Neben der Galerienwelt von Mitte bleibt die freie Szene in ständiger Bewegung. Künstler ziehen von Bezirk zu Bezirk, erobern neue Orte. Heute hier, morgen dort.

Kunst "von der Straße"...

Neben der arrivierten Galerienwelt in Berlin-Mitte und in der City West bleibt die freie Szene überall in Bewegung. Weil es in einer Stadt des ständigen Umbruchs keinen Stillstand gibt. Künstler ziehen wie Nomaden von Bezirk zu Bezirk, entdecken und erobern neue Freiräume und Nischen. Heute hier, morgen dort. Wird ein Ort wie das Kunsthaus Tacheles in Berlin-Mitte geräumt – lange Zeit wohl einer der zentralsten Orte, den sich die Kunst in Berlin erobert hatte –, finden Künstler neue Kleinode. Schließt eine Galerie in der Auguststraße, feiern am Wochenende darauf drei neue Locations Eröffnung in Schöneberg oder im Wedding.

Genaue Zahlen zur Galeriendichte in der Hauptstadt gibt es nicht. Schätzungen gehen von 400 bis 600 „Kunstorten“ aus. Darunter auch Pop-up-Ausstellungen in Ladenlokalen oder Zwischennutzungen von Locations im Dornröschenschlaf – wie der ehemaligen DDR-Freizeitstätte SEZ in Friedrichshain oder des 1904 erbauten Kaufhauses Jandorf am Weinbergspark in Mitte. Kurzentschlossen werden solche Orte zu temporären Galerien erklärt: Wände weißen, Nägel rein, Bilder aufhängen, Cheers, Adieu! Doch die meisten dieser „Kunstorte“ verschwinden so schnell wieder, wie sie entstanden sind. 15 Minuten Ruhm oder künstlerische Rebellion – bis Etablierte Anspruch erheben und die Kunst weiterzieht.

...und Galerien von Weltrang

Einige dieser Orte etablieren sich selbst, werden zu Institutionen. Ein prominentes Beispiel ist die renommierte Galerie Michael Haas in Berlin-Charlottenburg. 1976 gegründet, blickt die Galerie heute auf Einzel- und Gruppenausstellungen international bekannter Künstler zurück – von Jean-Michel Basquiat über Georg Baselitz und Otto Dix bis hin zu Gerhard Richter. Sie handelt mit Meisterwerken von Chagall, Klee, Nolde, Picasso, Warhol und anderen weltberühmten Künstlern. Zugleich verkörpert Michael Haas eine besondere Berliner Freiheit, die jedem Menschen ein Alter Ego erlaubt, die Selbstverwirklichung auch auf mehreren Ebenen. Unter dem Pseudonym Joachim Elzmann stellt Haas eigene Werke aus, ist Galerist und Künstler in einer Person.

Tagsüber Bauarbeiter, nachts Bildhauer – eine ganz normale Berliner Biographie, bei der hier niemand mehr ins Staunen gerät. Weil es geht in Berlin.

Überspitzt formuliert: Tagsüber Bauarbeiter, nachts Bildhauer – eine ganz normale Berliner Biographie, die mit ihrer individuellen Bandbreite zwar oft verwundert, bei der hier aber auch niemand mehr ins Staunen gerät. Weil es geht in Berlin.

Wohl einer der wichtigsten Gründe, warum es heute so viele Kreative nach Berlin zieht, ist genau diese Freiheit: Ein Leben für die Kunst ist hier möglich, auch wenn man (noch) nicht von ihr leben kann.

Fotos ©Lea Gryze ©Berlin Partner

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