Küchenparty Berlin-WG

3. WG: "Stolz der Härte"

Am 19. November 2019 fand die dritte Berlin-WG in Kreuzberg statt. 

Gehört Widerstandsfähigkeit zu den Stärken der Berliner? Verändert die größte Stadt Deutschlands das Gemüt? Und ist die „Berliner Schnauze“ wirklich Realität oder doch eher ein Klischee? Fragen bei der dritten Berlin-WG in Kreuzberg. Am großen Esstisch in einer typischen Altbau-Wohnung kamen sechs Gäste mit Joab Nist (Gründer des Blogs „Notes of Berlin“) zusammen, um über den Berliner Charakter und den Charakter der Berliner*innen zu diskutieren.

Wer in der WG am 19. November dabei?

  • Wilfred, Integrationslehrer aus Steglitz: 
    „Berlin bedeutet Leben für mich. Hier erlebe ich kontinuierlich Neues und entdecke auch Neues an mir, zum Beispiel, wo meine Grenzen sind.“ 
  • Christina, Heilerziehungspflegerin aus Friedrichshain:
    „Ich wollte nie meine Heimat Berlin aufgeben.“
  • Goekcen, Food Tour Guide/Entrepreneur aus Charlottenburg: 
    „Ich habe mir bewusst ausgesucht, wo ich leben will; Berlin war meine klare Entscheidung!“
  • Christian S., Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Fotograf aus Wedding:
    „Berliner leben echte Ehrlichkeit statt falscher Freundlichkeit.“
  • Sophia, Teamleiterin und Gründerin aus Kreuzberg:
    Ich mag das Authentische, das Echte hier in Berlin.
  • Christian L., Initiator des Netzwerks „Berlin hilft!":
    „Berliner aus Überzeugung“

 

Was wurde am WG-Tisch diskutiert?

Ist Berlin tatsächlich eine harte Stadt? Verändert die größte Stadt Deutschlands auch das Gemüt? Und ist die „Berliner Schnauze“ noch Realität oder doch eher pures Klischee? Alles Fragen, die Moderator Joab Nist stellt.

Keine zehn Minuten dauert die Diskussion, da geht es schon um die berühmte „Berliner Schnauze". „Das ist halt Berlin! Ich mag’s“, sagt der Alt-Berliner Christian L. Kopfnicken dann in der Runde, als die WahlStuttgarterin Sophia den Vergleich zwischen Berlin und Süddeutschland zieht: „Ich mag das Authentische, das Echte hier in Berlin.“ Das sei ihr viel lieber als die gekünstelte Freundlichkeit, die ihr nicht selten in Süddeutschland begegne.

Auch Christian S., der Filmemacher findet: „Berlin lebt echte Ehrlichkeit.“ Eine Meinung, die auch die Community von BE BERLIN auf Twitter und Instagram teilt, wie die eintreffenden Beiträge zeigen. Letztlich sei der harte Ton auch nicht gleichzusetzen mit Unfreundlichkeit, sondern eher mit einer betonten Coolness in dieser Stadt, befindet die Runde. „Berliner sind direkter, kühler – aber nicht unfreundlicher.“

Moderator Joab Nist berichtet aus eigener Erfahrung: „Hinter der Schroffheit steckt oft das Phänomen ‚Hart aber herzlich‘“. Das findet auch die Community mehrheitlich, die parallel auf Twitter und Instagram über Fragen abstimmen und diese kommentieren kann: Berliner seien „schlagfertig, direkt und auch manchmal rau, jedoch meist mit einem Augenzwinkern“, schreibt eine Followerin auf Instagram.

Klingelschild

Ist Berlin somit kein „verdammter Ponyhof“?

Moderator Joab Nist bereichert mit seinen „Notes“ – den gesammelten Fundstücken von der Straße und aus Häuserfluren auf seinem Blog – die Runde. Auf einem Foto mit Streichel-Ponys, das er hochhält, steht: „Berlin ist kein verdammter Ponyhof!“ Sieht das die Runde genauso?

„Ich würde das nicht unterschreiben“, antwortet Christina. „Berlin ist Freiheit, jeder kann sich hier entfalten.“ Das sei ein großer Pluspunkt in dieser Stadt und keine Selbstverständlichkeit. Aber an dieser Freiheit könne man auch scheitern. Die Härte Berlins stellen die Teilnehmer vor allem im Alltag auf der Straße sowie in überfüllten Zügen und Bussen fest.

Wilfred von den Philippinen berichtet allerdings aus seinen ersten Tagen in Berlin von vielen lächelnden Gesichtern, die ihn im Bus anblickten. Doch in der S-Bahn müsse er sich im Berufsverkehr mittlerweile förmlich „reinboxen“.

Und was ist mit den Busfahrern und ihren legendären Durchsagen in proppenvollen Bussen, wenn die Fahrgäste wieder mal bis in die Türen stehen? Durchsagen wie zum Beispiel: „Also ich kann hier den ganzen Tag stehen und warten. Ich hab‘ Stullen dabei!“? Christian L., gebürtiger Berliner, nennt dies den berühmten „spröden Charme“ der Berliner. So manch Tourist sei doch mittlerweile gar enttäuscht, wenn er nicht in Berlin angepflaumt werde.

Making off

Wer ist härter – die Berliner oder die Zugezogenen?

„Für Ausländer ist Berlin die bessere Stadt als London oder New York“, findet Gökcen, der in allen drei Städten bereits gelebt hat. In Berlin seien die Menschen offener gegenüber Fremden, vielleicht liege es daran, dass Berlin schon immer mehr im Werden und Wachsen war und weniger fertig ist als andere Städte, vermutet Christian L. „Berlin hatte viele harte Einschnitte, wie die Teilung und die Wiedervereinigung“, begründet es der gebürtige Berliner. „Aber die Härte kommt auch von außen. Mittlerweile sind doch die gebürtigen Berliner bei mehr als 3,4 Millionen Einwohnern in der Unterzahl“, ergänzt er.

Christina schildert hierzu ein Erlebnis, das ihr klar gezeigt habe, dass die verbale Härte nicht mit mangelnder Hilfsbereitschaft gleichzusetzen sei. Sie berichtet von einem schweren Fahrradunfall, durch den sie zu Boden fiel und sogar bewusstlos wurde. „Als ich aufwachte, standen sieben Menschen um mich und wollten mir helfen!“ Auch das sei Berlin!

Interview

Verändert Berlin ihren Charakter?

„Vielleicht bin ich auch Berliner, weil ich ein bisschen unhöflich geworden bin“, meint Wilfred, der auf den Philippinen in einer Kultur aufgewachsen ist, die auf Höflichkeit und Harmonie großen Wert legt. Schlimm? Nein.

Fakt, meint Joab Nist und stellt offen zur Diskussion, ob Berlin den Charakter verdirbt. Sophia nennt sich auch in Stuttgart weiterhin „stolze Berlinerin. Hier hat man Charakter – hier sind nicht alle gleich.“

Ist die Runde stolz, Teil dieser Härte zu sein?, fragt Joab zum Schluss. „Eine schwierige Frage“, findet Wilfred. „Stolz bin ich weniger, aber froh in Berlin meinen Traum verwirklichen zu können.“ Man dürfe die Härte mancher Menschen auf der Straße nicht auf sich beziehen, rät Sophia zum Abschluss. Mit dieser Einstellung komme man als Zugezogener gut durch Berlin. Einen weiteren guten Tipp für Neuberliner hat Christian L. parat: Mit ihrem großen Angebot könne Berlin einen durchaus überfordern. „Drei Veranstaltungen, auf die man an einem Abend gehen möchte – da muss man selbst zuweilen hart sein und sich eben entscheiden.“

Am Ende erntet Christina für ihre Haltung zur Härte Berlins große Zustimmung: „Letztlich kommt es drauf an, wie du auf die Stadt zugehst. Was du selbst ausstrahlst – das bekommst du auch wieder zurück.“

Wir danken allen Teilnehmern für den regen und inspirierenden Austausch. 

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