4. WG: "Nostalgie der Freiheit"

Die vierte Berlin-WG fand am 10. Dezember 2019 in Kreuzberg statt.

Ist das Berliner Freiheitsversprechen heute noch haltbar? Was bedeutet Freiheit für dich? Und wie lässt sich individuelles Freiheitsdenken mit dem Gemeinwohl vereinbaren? Darüber diskutierten sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmern bei Kräuterlimo, Craft Beer und Guacamole-Häppchen angeregt mit Joab Nist (Gründer des Blogs „Notes of Berlin“) .

Wer in der WG am 10. Dezember dabei?

  • Martin, PR-Berater; Plus-Size-Model; Influencer aus Mitte: 
    „Mein Herz schlägt für diese Stadt und ich kann mir nicht vorstellen woanders zu leben.“ 
  • Anastasija,  kaufmännische Geschäftsführerin aus Moabit:
    „Für alles findet sich in Berlin eine Community. Du kannst hier alles machen.“
  • Viktoria (Viki), QA Test Coordinator aus Charlottenburg: 
    „Ich will ganz gerne meine Erfahrung teilen und höre gerne unterschiedliche Meinungen und Geschichten von anderen Menschen.“
  • Manuela, Schriftstellerin aus Prenzlauer Berg:
    „Mich interessiert der Austausch mit anderen kreativen Menschen - insbesondere über unsere Stadt und unsere Zeit.“
  • Sven, Online-Redakteur aus Oberschöneweide:
    „Als Wessi wäre ich ohne die Freiheit nach der Wende wohl nie in Berlin gelandet.“
  • Elke, Initiatorin und 1. Vorsitzende von Silbernetz e.V. aus Wedding:
    „Berlin ist für mich Wahlfreiheit. Ich kann hier ganz spießig oder ganz international leben - das begeistert mich."
  • Lukasz, Kommunikations- und Grafikdesigner aus Reinickendorf
    „Ich mag den Meinungsaustausch mit ganz unterschiedlichen Menschen in Berlin.

Was wurde am WG-Tisch diskutiert?

Freiheit kann für jeden Menschen etwas ganz anderes bedeuten, je nach seiner Herkunft und persönlichen Erfahrung. Mit Freiheit assoziiert auch nicht jeder zuallererst das große Ganze, also unser demokratisches System. Freiheit kann sich genauso gut im Kleinen, im persönlichen Lebensstil äußern. Wie viele Nuancen Freiheit hat, warum Freiheit besonders in Berlin ein Thema ist und welche Schattenseiten Freiheit in einer Gesellschaft haben kann – zu diesen Fragen entwickelte sich ein spannender Austausch zwischen den WG-Bewohnern.

„Wofür steht Berlin für dich?“ wollte Joab zunächst von jedem wissen. Während Sven seine Wahlheimat als „dörfliche Weltstadt“ bezeichnete, wählte Martin das Bild eines Trenchcoats zur Beschreibung: „Lässig und praktisch, man kann ihn offen tragen, wenn man in der Stimmung ist. Wenn nicht, klappt man den Kragen hoch und wird von der Stadt in Ruhe gelassen.“ Er schätze diesen Wechsel aus Dynamik und Konstante.

Elke ergänzte: „Berlin ist für mich Wahlfreiheit“, und leitete damit gut zum Thema über. Elke lebt in Wedding in einem Haus mit 28 verschiedenen Nationen aus vier Kontinenten – und liebt diese Mischung. Die Chance, sich mit so vielen unterschiedlichen Kulturen direkt vor der eigenen Haustür auseinandersetzen zu können, empfindet die 75-Jährige auch als eine Freiheit.

Für die Wahlfreiheit sprächen viele weitere kleine Beispiele aus dem Alltag, stimmten ihr die anderen Gäste zu. Egal, ob Yoga auf dem Bikinihaus, 20 Kilometer Rennen durch den Grunewald oder Organisation eines Charity-Laufs – „es finden sich immer ein paar Nasen, die mitmachen“, so Anastasija, die als Kind mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland kam.

Was trägt zum persönlichen Freiheitsgefühl bei?

Einen großen Stellenwert nahmen für alle WG-Bewohner die Themen Vielfalt und Toleranz ein, die zu ihrem Freiheitsgefühl beitragen. In seiner bayerischen Heimat habe Freiheit aus Schublade A und Schublade B bestanden, berichtete Martin, der heute mit „Ehemann Nr. 2“ in Mitte lebt. Früher wurde sehr darauf geachtet, was die Nachbarn sagen. In Berlin können die Menschen dagegen rumgelaufen, wie sie wollen, und sich insgesamt freier bewegen. Es gebe hier diese vielen „Könnte-Optionen“, die er sehr schätze, auch wenn er selbst sie gar nicht alle wahrnehme.

„Je größer die Stadt, desto größer die Toleranz“, fasste Manuela zusammen, die als Schriftstellerin in Prenzlauer Berg lebt. Die vielen Ausgeh-Angebote Berlins wurden von allen Teilnehmern als Teil ihrer persönlichen Freiheit empfunden, darunter auch die fehlende Sperrstunde.

Lukasz, der aus Polen stammt, nannte noch weitere praktische Vorteile der Hauptstadt, die ihm ein Freiheitsgefühl verschaffen: „Es sind die vielen Möglichkeiten der Fortbewegung. Und der Bus kommt nicht ständig 30 Minuten zu spät.“

„Nimmt man sich hier mehr Freiheiten raus als anderswo?“

Mit dieser Frage eröffnete Joab eine Diskussion, in der es auch um die Schattenseiten der Freiheiten in einer Großstadt ging. Sven, der aus einem Dorf in Westdeutschland stammt, merkte an, dass die Fahrradregeln hier nur sehr selten beherzigt würden. Auch das Parken in zweiter Reihe sei ein nerviges Berliner Phänomen.

„Freiheit ist das eine – Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit das andere“, bekräftigte Anastasija. Dazu trage leider auch die Anonymität der Stadt bei. Und seit einigen Jahren fühle sie sich als Frau nachts nicht mehr an allen Orten sicher, zum Beispiel am Alexanderplatz. „Es gab früher Spielregeln in der Stadt, die kennt heute nicht mehr jeder.“ Lukasz ergänzte: „Manche fordern leider oft mehr Freiheit für sich ein, als sie selbst schenken.“

Viktoria nannte daher auch eine „Kombination aus Freiheit und Regel“ als wichtigen Faktor für die richtige Balance. Die 26-Jährige stammt aus der Ukraine, lebt in Moabit und arbeitet als IT-Fachfrau in Mitte. Dadurch komme sie regelmäßig in direkte Berührung mit einem ganz besonders kostbaren Freiheitsgut: Demonstrationen im politischen Zentrum Berlins. Während andere dann über Verkehrsbehinderungen schimpften, bleibe sie gelassen. „Wenn du dir selbst die Möglichkeit gibst, frei zu sein, gibst du auch den anderen diese Möglichkeit – in ihrer eigenen Art.“

„Warum wird speziell Berlin mit Freiheit assoziiert?“

Joab lenkte die Runde mit dieser Frage auf die Historie der Stadt. Es sei der Mauerfall, durch den die Hauptstadt primär mit der Wende und damit mit dem Freiheitsgedanken verbunden werde, meinte Sven.

Anastasija hob dabei den besonderen „Berliner Geist der Freiheit“ hervor: „Es waren nie die Politiker, es waren immer die Berliner selbst, die die Freiheit ihrer Stadt gestaltet haben – deshalb wird die Stadt auch jeden Politiker und jede Partei überleben.“ Diese ganz besondere Freiheitshistorie, zu dem auch der Mauerfall gehöre, habe man allen anderen Städten voraus.

Die aktuelle Entwicklung der Stadt – Stichworte Mietenwahnsinn und Gentrifizierung – bereitet manchem Teilnehmer Sorge. „Berlin spaltet sich“, konstatierte Elke. „Es kann sich nicht mehr jeder jeden Stadtteil leisten.“ Besonders alte Leute seien davon betroffen. Sie erinnerte an die Feier, mit der 2020 das Ereignis „100 Jahre Groß-Berlin“ begangen wird. Durch den Zusammenschluss von zig kleinen Städten, Gemeinden und Bezirken wurde Berlin 1920 schlagartig nach New York zur zweitgrößten Metropole der Welt. Ein solch großes Zukunftsbild wie damals sei auch heute nötig, so Elke: „Wir brauchen eine Vision, wie wir die nächsten 100 Jahre gestalten wollen.“

Anregungen für eine solche Vision hat dieser Abend genug geliefert. Joab fasste die Beiträge der Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch einmal zusammen: „Freiheit bedeutet Frieden, Toleranz, aber auch Rücksichtnahme und verbindliche Regeln“, bevor er die Runde mit dem beliebten Neuköllner Trinkspruch „Freiheit, Freibier & Frieden“ schloss.

Wir danken allen Teilnehmern für den regen und inspirierenden Austausch. 

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