6. Berlin-WG: Gemeinwohl als Vision

Berlin ist für viele die Stadt der Freiheit und der Selbstverwirklichung – doch wie schaffen wir es, dass wir nicht alle aneinander vorbei leben? Dass auch die sozial Schwächeren eingebunden werden? Und dass sich möglichst viele Menschen ehrenamtlich in und für Berlin engagieren? Damit beschäftigte sich die sechste Berlin-WG am 27. Februar 2020. Dafür ging die WG diesmal „on tour“ – und diskutierte an der Tafel der Initiative „Über den Tellerrand“ in Berlin-Schöneberg.

Wer war am 27. Februar dabei?

  •  Helena,59,aus Friedenau, ist Mitglied im Vorstand der Bürgerstiftung Berlin. „Wir wollen mit gezielten Projekten das Zusammenleben der Menschen in der Hauptstadt stärken.“ Ehrenamtliche Physikpaten machen mit Grundschulkindern Experimente, Umwelt-Paten machen mit Familien Sonntagsausflüge in die Natur.
     
  • Gerd,63,aus Kreuzberg, Sachbearbeiter bei der BVG und ehemaliger Vizepräsident im Berliner Fußballverband für Qualifizierung und Soziales. Dort engagiert er sich für die Prävention von Gewalt und Rassismus im Fußball. „Ich bin mittlerweile seit 50 Jahren ehrenamtlich aktiv.“
     
  • Ina, 30, aus Wedding, gehört zum Vorstand des Vereins „Über den Tellerrand“, in dem Flüchtlinge mit Berlinerinnen und Berlinern kochen. „Wir brauchen Räume, die Menschen Begegnung und Austausch auf Augenhöhe ermöglichen.“
     
  • Isabella, 65, aus Kreuzberg,leitet das Projekt „Lange Tafel“. An einer 200 Meter langen Tafel kommen Kiezbewohner verschiedener Generationen zusammen. Sie ist überzeugt: „Ehrenamt muss sich an den konkreten Interessen und Bedürfnissen der Menschen orientieren – und braucht den Spaß als Motivation.“
     
  • Petra, 64, aus Charlottenburg, führt den Verein Heerstraße Nord in Staaken: „Viele Menschen haben nach wie vor große soziale Probleme. Wir dürfen das Gemeinwohl und Ehrenamt nicht nur aus der Brille der Bildungsbürger betrachten.“
     
  • Veit, 62, macht Gemeinwesenarbeit im Nachbarschaftshaus Urbanstraße in Kreuzberg. Er sieht das Gemeinwohl als dringende Arbeit für Berlin: „Unser Kiez ist einer von vielen in Berlin, die sich massiv verändern.“ Die Gentrifizierung sei für ein funktionierendes Gemeinwesen schwierig.
     
  • Lisa, 18, aus Steglitz,macht ihren Bundesfreiwilligendienst im Sport- und Jugendzentrum Prenzlauer Berg. „Gerade junge Menschen brauchen Orte der Begegnung.“
     
  • Friederike, 29, aus Kreuzberg, arbeitet im Verein „Die Gemeinschaft e.V.“. Dieser vernetzt Lebensmittelproduzenten, Gastronomen und Köche aus der Region. „So wollen wir nicht nur die Zusammenarbeit fördern, sondern auch zu einer wertschätzenden Esskultur beitragen.“
     
  • Karola, 59, aus Reinickendorf, engagiert sich als Projektleiterin bei den Lesepaten. „Gemeinwohl braucht Ehrenamt – und Ehrenamtler brauchen klare Angebote, damit sie sich in die Gesellschaft einbringen.“

Gibt es genug Engagement für das Gemeinwohl in Berlin?

Mehr als jede/r dritte in Berlin engagiert sich in seiner Freizeit ehrenamtlich – und trägt damit zum Gemeinwohl bei. Doch 70 Prozent der Berlinerinnen und Berliner beklagen auch, dass das Gemeinwohl in der Hauptstadt zu schwach sei. Wie passen das hohe Engagement und die trotzdem große Unzufriedenheit über ein intaktes Gemeinwohl zusammen? Eine Frage, die zentral im Raum stand, und die Moderator Joab Nist – Macher des Blogs „Notes of Berlin“ – gleich zu Beginn in die Runde streute.

„Wir haben viele Ehrenamtler in dieser Stadt, aber das Gemeinwohl ist nicht flächendeckend hundertprozentig intakt“, sagt Petra. Wer seine Miete kaum zahlen könne und auf Sozialleistungen angewiesen ist, könne sich schlecht ehrenamtlich engagieren. Auch, wenn er möchte. Gerd ergänzt: „Heutzutage haben wir andere Arbeitszeiten als früher. Die Menschen können bis spätabends und am Wochenende einkaufen – das nimmt auch dem Ehrenamt die Zeit weg.“ Dennoch ist Gerd überzeugt: „Berlin hat beim Gemeinwohl ein Riesenpotenzial – das hat die Flüchtlingskrise gezeigt.“

Wie können wir in Berlin Menschen für mehr Gemeinwohl begeistern?

Für Karola von den Lesepaten liegt die Antwort auf der Hand: „Wer sich für das Gemeinwohl engagiert, zum Beispiel bei uns als Lesepate, bekommt ganz viel Dankbarkeit zurück.“ Das sei unbezahlbar. Seit 15 Jahren engagiert sie sich im Verein und weiß, dass Ehrenamtler ergänzend klare Organisationsstrukturen brauchen. „Ehrenamtler müssen sich gebraucht und eingebunden fühlen.“ Sonst verpuffe die Bereitschaft zum Engagement. „Engagement braucht aber nicht nur professionelle Einrichtungen“, ergänzt Veit vom Nachbarschaftshaus Urbanstraße. Jeder habe die Möglichkeit, im Rahmen seiner begrenzten zeitlichen Mittel „Spuren in dieser Stadt zu hinterlassen“.

Braucht Gemeinwohl stets die professionelle Organisation?

Gemeinwohl fängt für Veit vor der Haustür an – als aufmerksamer Nachbar im Kiez und als aktiver Teilnehmer im täglichen Miteinander, der für andere zum Beispiel in der Tram aufsteht, beim Hochtragen des Kinderwagens zur Hand geht oder für Nachbarn den überquellenden Briefkasten leert. Mit Sorge beobachtet Veit allerdings das ökonomische Auseinanderdriften der Bewohnerstruktur in seinem Kiez. Das schaffe Spannungen für das Zusammenleben. Und gerade deshalb seien gemeinsame Treffpunkte im Kiez wichtig. „In unserer Nachbarschaft achten wir alle sehr aufeinander“, sagt Karola aus Reinickendorf. „Das ist uns ganz wichtig.“ Ob gemeinsame Grillabende, Pakete füreinander annehmen, Blumen gießen oder den überquellenden Briefkasten leeren – das sei bereits Engagement fürs Gemeinwohl und benötige keine professionellen Strukturen.

6. Berlin-WG: Lisa, Veit, Petra

Scheitern Gemeinwohl und Ehrenamt am Zeitmangel in Berlin?

Vereine in Berlin beklagen, dass es nicht leicht sei, neue Ehrenamtler/innen zu finden. Das Ehrenamt konkurriert mit diversen Freizeit-Aktivitäten in der Stadt. Ein Zeitproblem sei es jedoch nicht, finden die Teilnehmer/innen aus den sozialen Vereinen am Tisch. „Wir müssen vielmehr das Ehrenamt noch stärker würdigen“, meint Petra. „Dann machen sich Menschen für ein Thema auf und sich für ein Ehrenamt stark.“

Friederike vom Verein Gemeinwesen ergänzt, dass es nicht nur eine höhere Würdigung braucht, sondern auch niedrigere Hürden, sich einzubringen. „Nicht jeder kann einen komplexen Förderantrag für sein soziales Projekt schreiben.“

Auch ein dritter Punkt als Motivation für den Beitrag zum Gemeinwohl wurde klar: Menschen möchten sehen, wie ihr Engagement Früchte trägt. Ina vom Verein „Über den Tellerrand“ nennt als Beispiel, dass Studenten die Inneneinrichtung des Ladenlokals ehrenamtlich gebaut hätten. Regale, eine Kochtheke, Tisch und Stühle. „Die Studenten wollten nicht nur ein Pappmodell für ein Uni-Seminar bauen, sondern etwas, das tatsächlich genutzt wird.“

6. Berlin-WG: Ina, Gerd, Helena

Und zu guter Letzt: Bedroht das Smartphone das Ehrenamt?

Mit einem Klick hat man gespendet, mit einem Fingerdruck das ehrenamtliche Projekt geliked – packt keiner mehr an, wenn er schon geliket hat? Hilft keiner mehr beim Kinderwagen, wenn alle auf ihr Smartphone starren? „Kennenlernen braucht keine App“, findet Friederike, „aber wer wenig bis keine Zeit hat, kann mit einer Smartphone-Spende bereits Gutes bewirken. Doch aus Erfahrung weiß ich, dass jemand mit einem geringen Zeitbudget auch kein Ehrenamtler wird.“ Letztlich tut aber mehr Vernetzung dem Gemeinwohl und Ehrenamt gut.

„Es ist viel zu anonym, wie wir teilweise in unseren Kiezen leben“, befindet Gerd. „Dabei machen wir doch alle das gleiche: Wir arbeiten, kommen nach Hause und leben unser Leben.“ Ob also Smartphone oder Pinnwand: Es braucht die Vernetzung untereinander für mehr Gemeinwohl. Denn jeder profitiert von einem besseren Miteinander, meint Helena zum Schluss. „Letztlich brauchen wir uns alle. Gemeinsam geht es einfacher.“

6. Berlin-WG: Herzlich willkommen!

Wer sich ebenfalls in Berlin engagieren möchte, findet in den Freiwilligenagenturen der Berliner Bezirke eine Übersicht über ehrenamtliche Projekte – und kann sich bei der Wahl des passenden Ehrenamtes gleich beraten lassen. Eine Übersicht gibt es HIER

6. Berlin-Runde: Diskussionsrunde mit Kameramann

Wir danken allen Teilnehmern und unserem Moderator für den regen und inspirierenden Austausch. 

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Fotos: (c) Berlin Partner GmbH/Gralapp ; (c) Blumberry Berlin