Im Zeichen der gestalterischen Revolution

2019 feiert Berlin das Bauhaus: mal klassisch reduziert, aber auch experimentell und exaltiert. Denn die berühmte Kunst- und Designschule wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Bundesweit wird das Jubiläum mit unzähligen Events, Performances und Ausstellungen zelebriert. Natürlich ist auch Berlin dabei. Schließlich war die 1919 in Weimar gegründete Bauhaus-Schule für kurze Zeit auch in Berlin ansässig. Und bekannte Bauhäusler wie Ludwig Mies van der Rohe oder Walter Gropius prägten die Stadt an vielen Orten durch ihre visionären Ideen.

„Die Form folgt der Funktion“. Und „Weniger ist mehr“. Diese gestalterischen Leitsätze bringt wohl jeder von uns mit dem Bauhaus in Verbindung. Zugeschrieben werden sie dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe, einem der bekanntesten Vertreter der in ihren Ansätzen damals revolutionären Schule für Kunst, Design und Architektur. Die beiden Leitsätze stehen zugleich für den gestalterischen Stil des Bauhauses: klar, funktional, ästhetisch, reduziert. Heute würden wir sagen: modern. Denn Bauhäusler wie Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Oskar Schlemmer, Wassily Kandisky, Marcel Breuer oder Marianne Brandt beeinflussten mit ihren utopistischen Ideen und innovativen Ansätzen, Produkten und Bauten das gestalterische und künstlerische Schaffen bis heute.

In diesem Jahr feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum – bundesweit mit vielen Veranstaltungen. Berlin ist als einer der zentralen Veranstaltungsorte dabei. Und das nicht von ungefähr. Denn in der Kunst- und Kulturmetropole war die berühmte Kunst- und Gestaltungsschule für ein Jahr sogar beheimatet. 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet, zog das Bauhaus aufgrund von Finanzierungsproblemen 1925 nach Dessau. Doch dort bleib es nicht lange. Bereits Ende 1932 zog die avantgardistische Schule nach Berlin um. Ludwig Mies van der Rohe versuchte, das Bauhaus in einer alten Telefonfabrik in Berlin-Steglitz als Privatinstitution weiterzuführen. Doch unter dem Druck der Nationalsozialisten schloss das Bauhaus im August 1933 endgültig seine Türen.

Freiheit der Kunst ist heute ein Grundrecht. Künstler sind in ihren Möglichkeiten des Ausdrucks nicht eingeschränkt, dürfen und sollen Tabus finden und brechen, Grenzen überschreiten, alles Denkbare in Kunst übersetzen, ohne Restriktionen.
Bettina Wagner-Bergelt, Künstlerische Leiterin „100 jahre bauhaus. Das Eröffnungsgestival"

Zahlreiche Bauhäusler gingen ins Exil und trugen die Ideen der Schule in die ganze Welt. Einige kehrten zeitweise wieder nach Berlin zurück und schufen Neues. So errichtete etwa Walter Gropius hier 1957 im Rahmen der Interbau einen neungeschossigen Wohnblock im Hansaviertel. Auch die Siedlung Gropiusstadt im Südwesten Berlins oder das Bauhaus-Archiv in Berlin-Tiergarten entstanden in den 1960er und -70er Jahren nach seinen Plänen. Die 1968 eröffnete Neue Nationalgalerie hingegen gilt als das letzte eigenständige Werk von Ludwig Mies van der Rohe, der kurz nach Einweihung verstarb – als einer der visionärsten Architekten des 20. Jahrhunderts. Wie groß der Einfluss des Bauhauses auf die Entwicklung von Design, Architektur, Tanz, Malerei – ja auf unser heutiges Denken – tatsächlich ist, vermittelt das Berliner Programm im Rahmen des Jubiläumsjahres „100 jahre bauhaus“ mit einem breiten Spektrum an Veranstaltungen.

„Die Bauhauskünstler waren waghalsig, experimentell, offen, international, furchtlos. Weil sie ein Ziel hatten: die Gesellschaft mit Kunst zu einer besseren zu machen. Sie wussten ein Jahr nach dem Desaster des Ersten Weltkriegs sehr gut, wovon sie sprachen“, sagt Bettina Wagner-Bergelt, Künstlerische Leiterin des Eröffnungsfestivals 100 jahre bauhaus, das vom 16. bis 24. Januar in der Akademie der Künste, Berlin stattfindet. Eines der Highlights des neuntägigen Programms mit Konzerten, Installationen, Theater, Tanz, Workshops und Diskussionen ist der „Bauhaus Club 2.019: Hyper.Culture“. Dieser greift eine Bauhaus-Tradition auf. Denn bei Festen kamen dort Architekten, bildende Künstler, Theatermacher und Visionäre regelmäßig zusammen. Diesen interdisziplinären Ansatz spinnt der US-amerikanische Choreograf und Tänzer Trajal Harrells in seiner Deutschlandpremiere von „Hoochie Koochie“ weiter: „Er verbindet Genderthemen, bildende Kunst, Mode, Tanz und Theater und mischt verschiedenste Stile und Traditionen miteinander. Er torpediert viele Klischees über Tanz, Tänzer und Tänzerinnen mit seinem speziellen Ensemble, seiner Art der Choreographie, seinem Understatement, jenseits von Virtuosität, aber auch jenseits von falschem Pathos“, so Wagner Bergelt.

Auch im Anschluss an das Eröffnungsfestival finden in Berlin das ganze Jahr hindurch spannende Veranstaltungen statt, die das Wirken und Schaffen des Bauhauses aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. So etwa die Ausstellung „Von Arts and Crafts zum Bauhaus. Kunst und Design – eine neue Einheit!, die vom 24. Januar bis 5. Mai 2019 im Bröhan-Museum, Berlin gezeigt wird. Sie beschäftigt sich mit der Vorgeschichte des Bauhauses und bindet es in die europaweite Entstehung der Moderne ein. Die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt hingegen erkundet vom 15. März bis 10. Juni 2019 die internationale Geschichte des Bauhauses in vier Kapiteln, zeigt globale Auswirkungen der bekannten Gestaltungs-Schule auf und stellt lokale Rückbezüge her.

In der bauhauswoche berlin 2019 werden vom 31. August bis zum 8. September soziale und Gestaltungs-Ideen der Bauhäusler in die Stadt getragen.  Interessierte können sich an verschiedenen Orten – darunter Schulen, Architektur- und Designbüros, Druckwerkstätten und Museen – partizipativ mit dem Thema auseinandersetzen.  

Und vom 6. September 2019 bis zum 27. Januar 2020 zeigt das Bauhaus Archiv / Museum für Gestaltung in der Berlinischen Galerie im Rahmen der Ausstellung original bauhaus 14 Bauhaus-Klassiker wie die berühmte Leuchte von Wilhelm Wagenfeld oder das Teeservice von Marianne Brandt –  aber auch vergessene Originale – und erzählt deren Geschichte.

Das ist natürlich noch längst nicht alles. Neben diesen Highlights bieten zahlreiche Ausstellungen, Rundgänge, Vorträge und Jubiläums-Events in Berlin ausreichend Gelegenheit zur intensiven Auseinandersetzung mit dem Bauhaus, seiner künstlerischen Vielfalt und seiner Vision. In den Worten von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Schirmherr des Eröffnungsfestivals: „Das ist die Botschaft, die von Dessau, Weimar, Berlin und allen, die in der Tradition des Bauhauses arbeiten, in die Welt geht. Ein möglichst gutes Leben für möglichst alle in einer Welt, die für alle ein Zuhause sein soll.“

bauhaus100.berlin
bauhaus100.de

 

Fotos

Oben: Motiv bauhaus100: Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926. Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin / © Dr. Stephan Consemüller
Mitte oben links: Marianne Brandt, Tee-Extraktkännchen (MT49), 1924 /Bauhaus-Archiv Berlin, Foto: Gunter Leposwski / © VG Bild-Kunst Bonn 2019
Mitte oben rechts: Marcel Breuer, Stahlrohr-Satztische B9 / B9–9c, Entwurf 1927, Bauhaus-Archiv Berlin, Foto: Gunter Lepowski
Mitte: Mitglieder der Bauhauskapelle, unbekannter Fotograf, 1930, Bauhaus-Archiv Berlin
Unten: Neue Nationalgalerie: visitBerlin, Tanja Koch;  Paul Klee, Postkarte Nr 4 zur Bauhausausstellung in Weimar im Sommer 1923 („Die erhabene Seite“), 1923, Bauhaus-Archiv Berlin

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