Wir laden alle Geschichtenerzähler der Stadt zu uns ein

Im Februar steht Berlin ganz im Zeichen der Berlinale. Doch während auf den 69. Internationalen Filmfestspielen Berlin vorrangig Großproduktionen zu sehen sind und Weltstars über den roten Teppich schreiten, stehen auf der Boddinale unbekannte Filmschaffende im Rampenlicht. Vom 7. bis 17. Februar zeigt das inzwischen 7. Underground-Filmfestival in der Kunstfabrik am Flutgraben Werke von Regisseurinnen und Regisseuren, die vor allem eine Voraussetzung erfüllen: Sie leben in Berlin oder haben zumindest für ein paar Monate hier gewohnt. Mehr über Geschichte und Programm der Boddinale erzählt der Veranstalter des Festivals, Gianluca Baccanico.

Freiheit bedeutet für mich, Ideen in Aktion übersetzen zu können. Und diese nach außen hin sichtbar geschehen zu lassen.
Gianluca Baccanico, Medien-Philosoph, Veranstalter Boddinale

Herr Baccanico, versteht sich die Boddinale als Untergrund-Counterpart zur Berlinale?
Nein. Sie entstand eher aus dem Kontext der Berlinale heraus. 2013 zeigten wir in unserer damaligen Location, dem Loophole in Neukölln, Filme von Künstlern aus unserer Community. Danach zogen dann alle los, um sich das offizielle Programm der Berlinale anzuschauen. Daraus entwickelte sich schnell mehr. Nicht zuletzt, weil das Medienecho auf unser kleines Event deutlich stärker war, als von uns erwartet. In diesem Jahr findet die Boddinale bereits zum siebten Mal statt. Mit dem Festival geben wir Künstler verschiedener Subkulturen abseits des Berlinale eine Chance, ihre Filme zu zeigen.

In diesem Jahr findet das Festival zum ersten Mal in der Kunstfabrik am Flutgraben am Schlesischen Tor statt. Warum?
Zum einen kommen immer mehr Zuschauer. Wir erwarten in diesem Jahr unter der Woche rund 150 Menschen pro Tag  – und circa 250 pro Tag am Wochenende. Da braucht man schon eine größere Location. Außerdem fand das Festival in der Boddinstraße aus kapazitären Gründen an zwei Orten statt, das war für uns technisch sehr aufwendig. 2018 waren wir im Kunst- und Kulturhaus Urban Spree zu Gast. Ich bin froh, mit der Kunstfabrik am Flutgraben eine passende Location gefunden zu haben, in der wir hoffentlich länger bleiben können.

Was brachte Sie als Italiener nach Berlin?
Ich kam 2007 hierher und verliebt mich sofort in die Stadt. Ich blieb und lernte schnell Leute aus der alternativen Kulturszene kennen. Wir veranstalteten verschiedene Events  zusammen, anfangs noch im „Rufreaktor" in der Landsberger Allee. Aus diesem Kollektiv heraus starteten wir die Boddinale. Seit zwei Jahren veranstalte ich das Festival allein – mit Unterstützung von freiwilligen Helfern aus der Underground-Filmszene. Manche Filmemacher machen immer wieder mit und sind sehr engagiert. Das gilt auch für unsere Jury, die inzwischen fest besetzt ist.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Filme aus?
Das ist ganz einfach: Die Filmemacher müssen in Berlin leben oder zumindest für kurze Zeit hier gelebt haben. Außerdem müssen die Filme eine Geschichte erzählen. Sie sollten außerdem mit dem Publikum kommunizieren, also nicht allzu selbstreferenziell sein. Wichtig ist es uns auch, dass die Filmemacher während des Screenings anwesend sind, um mit dem Publikum über ihre  Werke zu diskutieren.

Der Eintritt für die Boddinale ist nach wie vor umsonst. Wie finanzieren Sie das?
Vor allem mit viel Engagement und einer Spendenbox. Die Sachpreise für unsere Awards spendiert ein Hersteller von Schokoriegeln aus Neukölln. Grundsätzlich sind wir aber auf freiwillige Helfer angewiesen. So sind wir etwa kurz vor dem Festival in der ganzen Stadt unterwegs und suchen Sofas und Stühle zusammen. Couch-Watching hat bei der Boddinale nämlich inzwischen Tradition.    

Warum verkaufen Sie nicht einfach Tickets?
Das würde die Auswahl der Filme selektiver machen. Sobald Menschen Geld für etwas ausgeben, haben sie eine andere Erwartungshaltung an das Programm. Wir möchten die Boddinale als Kreativlabor erhalten, das Filme zeigt, die man sonst vielleicht nie öffentlich sehen würde. Wir wünschen uns von den Besucherinnen und Besuchern aber eine Gegenleistung in Form von Diskussion und Interaktion. Die Boddinale ist eine Plattform, die Menschen zusammenbringen will und ein Networking unter Gleichgesinnten fördern möchte.

 

Brachte das Festival Teilnehmern auch Anschluss-Perspektiven?
Ja, auf verschiedenen Mikro-Ebenen. Einzelne erhielten die Chance, Filme auf anderen Festivals zu zeigen, andere fanden bei uns Produzenten und Mitarbeiter für weitere Projekte. Manchen wiederum hilft das Festival dabei, ihre Projekte abzuschließen. Sie haben schließlich eine Deadline, die sie erfüllen müssen.

Welches sind die Highlights der diesjährigen Boddinale?
Das ist eine schwierige Frage. Wir zeigen in diesem Jahr rund 90 Filme von 78 Regisseuren, einige davon in der Retrospektive. Da ist sicherlich für jeden etwas dabei. Eines meiner Highlights ist ein Special, das wir am 9. Februar anlässlich des 70. Geburtstags von Barbara Rosenthal bringen, einer sehr ungewöhnlichen Avantgardekünstlerin aus New York. Ganz anders, aber ebenfalls ergreifend, ist beispielsweise die Dokumentation „The March of Hope“ von Jim Kraft. Darin reisen zwei junge Männer auf den Spuren von Geflüchteten durch Europa. Am Mittwoch, den 13. Februar zeigen wir Artistic Softporn. Unter anderen wird Simon Thaur, der Gründer des legendären Berliner Kitkat Club eine Auswahl seiner Musikvideos zeigen. Unser finales Highlight ist natürlich die Boddinale Awards Night am 17. Februar.

Inwiefern spiegeln die auf der Boddinale gezeigten Filme den Geist der Stadt?
Viele der auf dem Festival gezeigten Filme sind geprägt vom typischen Berliner Humor. Der ist etwas zynisch, mit einer süßen Prise. Darüber hinaus lässt sich über sieben Jahre Boddinale hinweg eine inhaltliche Entwicklung erkennen, die mit der Entwicklung der Stadt einher zu gehen scheint. Anfangs beschäftigten sich die Filme vor allem mit Parties und dem künstlerischen Leben. Vor ungefähr  drei Jahren war Gentrifizierung ein wichtiges Thema. Inzwischen sind die eingereichten Filme nicht mehr so optimistisch. Das Grundgefühl der Stadt ist melancholischer geworden, das spiegeln die Filme wider. Wir laden alle Geschichtenerzähler der Stadt zu uns ein. Also erzählen sie uns auch die vielen kleinen Geschichten Berlins.

Und was macht die Boddinale sonst noch typisch Berlin?
Die Tatsache, dass wir das Festival – so schlicht wie es ist – in der Stadt organisieren und veranstalten können. Die Leute schätzen die Boddinale trotzdem – oder gerade deswegen. Man muss in Berlin nicht großspurig auftreten wie in anderen Städten.  

boddinale.com

 

 

Fotos:
Oben: Afterword © Boris Seewald
Mitte, oben links: Gianluca Baccanio © Magnus Reed
Mitte oben rechts: How about having a fascination of the mind
© Katti Jisuk Seo & Finnja Willner
Mitte: March of Hope © Jim Kraft
Mitte unten links: Le Viol du Routier © Juliette Chenais De Busscher
Mitte unten rechts: Early Collector © Hannes Maar
Unten: March of Hope © Jim Kraft

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