„Wir leisten täglich Überlebenshilfe “

Seit 25 Jahren fährt der Kältebus der Stadtmission im Winter durch die Straßen Berlins und rettet Obdachlose vor dem Erfrieren. Allein in letzten zehn Jahren versorgte das Kältebus-Team fast 27.000 Menschen in der Nacht und fuhr rund 7.200 Menschen in sichere, warme Unterkünfte. Das Elend auf der Straße sei inzwischen gestiegen, sagt Karen Holzinger, Leiterin des Fachbereich Wohnungslosenhilfe der Berliner Stadtmission. 1994 rief sie zusammen mit zwei Kollegen das Kältebus-Projekt ins Leben.

Frau Holzinger, vor 25 Jahren fuhr der erste Kältebus der Berliner Stadtmission. Wie kamen Sie auf die Idee?   
Damals arbeitete ich als Berufsanfängerin in der City-Station der Berliner Stadtmission. Das ist ein Restaurant für wohnungslose Menschen am Ku’damm. Wir stellten bald fest, dass es offenbar viele Obdachlose gab, die zu schwach, zu entmutigt oder zu krank waren, um zu uns zu kommen. Zum Schlüsselmoment wurde dann, als wir im Winter 1994 über die Medien erfuhren, dass ein Obdachloser in Berlin im Freien erfroren war. Kurzentschlossen stiegen meine Kollegen Gunar Fiedler, Ulrich Neugebauer und ich in einen alten Bulli der Stadtmission und fuhren los. Die Idee wurde schnell zum Erfolg. 

Was ist das Ziel des Projekts?
Wie leisten im Winter täglich Überlebenshilfe. Heute wie damals geht es uns darum, mit dem Kältebus jene Menschen zu erreichen, die den Weg in die sichere Wärme nicht mehr allein schaffen. Beispielsweise, weil sie zu viel Alkohol im Blut haben und dann draußen jämmerlich erfrieren. Unser Bus war bald voll, aber wir stießen schnell auf ein großes Problem: Wohin mit den Leuten? Die Einrichtungen für Obdachlose waren damals nicht eingerichtet auf Menschen mit multiplen Schwierigkeiten: die etwa hygienisch in schlechter Verfassung, stark angetrunken oder psychisch auffällig waren oder Tiere dabei hatten. Die Berliner Kirchengemeinden stellten zwar im Winter Notplätze zur Verfügung, aber die ehrenamtlichen Mitarbeiter dort waren von unseren Passagieren überfordert. Schnell wurde uns klar: Wie brauchen für die Menschen, die wir mit dem Kältebus aufsammeln, einen Ort, der für alle offen ist. Wir haben daher selbst angefangen, niedrigschwellige Plätze für Notübernachtungen anzubieten. Aktuell gibt es in der Stadtmission rund 300 Schlafplätze für Obdachlose, die allerdings nicht alle von unseren Kältebussen belegt werden. Außerdem haben wir auf unserem Gelände in der Lehrter Straße eine ärztliche Ambulanz und sind über die Nähe zum Hauptbahnhof gut erreichbar. Wir sind daher eigentlich immer ausgelastet.

Niedrigschwellig, was heißt das?
Es gibt keine Ausschlusskriterien. Viele Einrichtungen nehmen zum Beispiel keine Hunde, Menschen mit offensichtlichen psychischen Erkrankungen oder stark Alkoholisierte auf. Bei uns wird niemand abgewiesen.

Wie häufig fährt der Kältebus im Winter raus?
Allein unser Kältebus 1 fuhr im vergangenen Winter rund 15.000 Kilometer durch Berlin. Er wurde 2.919 Mal angerufen, transportierte insgesamt 901 Menschen und suchte mehr als 2.100 Menschen auf. Wir haben inzwischen drei größtenteils spendenfinanzierte Busse mit denen wir von Anfang November bis Ende März in Berlin unterwegs sind: Der Kältebus 1 ist täglich von 21:00 Uhr bis 3:00 Uhr morgens in Einsatz. Unterstützend fährt unser Kältebus 2 von 19:00 Uhr bis 1:00 Uhr in der Frühe. Und seit diesem Jahr haben wir auch einen Ambulanzbus. Dieser kann medizinisch notversorgen und beispielsweise auch Rollstuhlfahrer transportieren, das ist in den anderen Bussen super schwierig. 

Gibt es denn viele obdachlose Rollstuhlfahrer in Berlin?
In den letzten Jahren sind es leider deutlich mehr geworden. Das hat auch mit der EU-Osterweiterung zu tun. Viele Armutsmigranten landen in Berlin auf der Straße. Sie haben in Deutschland nie offiziell gearbeitet und sind daher auch nicht krankenversichert. Das hat gravierende Folgen: Die Menschen verelenden hier bis hin zum Tod. In unseren Pflegebetten in der Lehrter Straße können Kranke immerhin auch ohne Versicherung bis zu acht Wochen gesunden. Aber das ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, der sofort verzischt. Behindertengerechte Duschen und Schlafplätze für Rollstuhlfahrer gibt es kaum. Ein solches Elend wir heute habe ich vor zwanzig Jahren in Berlin nicht gesehen.

Aus welchen Gründen rutschen Menschen überhaupt in die Obdachlosigkeit ab?
Die Gründe sind sehr vielfältig. Auslöser sind häufig persönliche Krisen wie der Tod eines nahestehenden Menschen, der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine zerbrochene Beziehung. Bei manchen reicht dann die Energie nicht mehr aus, um ein normales Leben zu gestalten. Die Miete wird nicht mehr gezahlt und eine Räumungsklage kommt. Gesellen sich noch Alkohol oder andere Drogen als schlechte Tröster hinzu, macht das die Situation nicht besser. Häufig wird dann Hilfe von außen, auch wenn sie angeboten wird, nicht mehr angenommen. Das hat auch etwas mit Scham zu tun. Es kann sehr beschämend sein, in eine solche Situation zu geraten. Gerade bei Männern ist die Hemmschwelle sehr hoch, die Hand zu heben und zu sagen: „Hallo, ich bin allein und brauche Hilfe.“  

Wie viele Obdachlose gibt es derzeit in Berlin?
Das ist schwer zu sagen, da es in Deutschland keine allgemeine Wohnungslosenstatistik gibt. Wir gehen davon aus, dass in Berlin rund 40.000 Menschen wohnungslos sind – also ohne gesichertes Mietverhältnis – und etwa 4.000 bis 6.000 obdachlos. Rund ein Viertel davon sind Frauen, die auf der Straße besonders gefährdet sind. Obdachlose Menschen befinden sich in einem andauernden Überlebenskampf. Die kleinsten Sachen werden kompliziert, selbst der Toilettengang oder einen Platz zum Schlafen zu finden, sind eine tägliche Herausforderung. Hinzu kommt das öffentliche Stigma. Jeder sieht sofort: „Ich bin ein Gescheiterter und habe es nicht gepackt.“ Das macht sehr viel mit dem Selbstbewusstsein eines Menschen. Jeder Obdachlose ist anders und hat seine eigene Geschichte. Deswegen ist es ausgesprochen wichtig, individuelle Hilfe zu ermöglichen: Manche Menschen brauchen Ermutigung, manche einen motivatorischen Tritt in den Hintern. Unterstützung brauchen sie alle. Aus der Obdachlosigkeit zurück in ein „normales Leben“ zu finden, ist ein sehr harter Weg.   

Wann sollte man den Kältebus rufen?
Zunächst einmal sollte man Menschen, die in einer kalten Nacht im Freien schlafen, freundlich ansprechen und sie fragen, ob sie Hilfe benötigen. Ist ihr Zustand erkennbar schlimm, dann sind wir nicht die richtigen Ansprechpartner, sondern der Rettungswagen. Möchte der Obdachlose, dass Sie den Kältebus rufen, dann kommen wir selbstverständlich und bringen ihn in die nächstgelegene warme Unterkunft. Einige möchten auch nicht mitfahren, etwa weil sie ihren Schlafplatz nicht aufgeben möchten. Das kann ich durchaus nachvollziehen. Wenn man draußen einen halbwegs sicheren Platz gefunden hat, ist die Vorstellung, in eine überfüllte Notübernachtung zu kommen, wo man eng aufeinander hockt, wo es unangenehm riecht und manchmal auch eine aggressive Stimmung herrscht, vermutlich nicht sonderlich attraktiv. Diese Menschen versorgen wir dann mit heißem Tee, warmen Decken oder mit Dingen, die sie sonst so brauchen. Das hat sehr viel Bedeutung für jemanden, der auf der Straße lebt. Dass man sich um ihn kümmert und sich auf den Weg zu ihm macht – im wahrsten Sinne des Wortes.

 

25 Jahre Kältebus – inzwischen fahren Sie ja nicht mehr selbst hinaus in die Nacht. Gibt es ein Kältebus-Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?  

Im letzten Winter ist etwas passiert, das mich nach wie vor sehr beschäftigt: Das Team wurde rausgerufen, und als der Kältebus ankam, war bereits der Krankenwagen da. Dem Obdachlosen ging es gesundheitlich nicht besonders gut, aber er wollte nicht ins Krankenhaus und auch nicht mit dem Kältebus mitkommen. Später in der Nacht fuhr unser Team noch einmal dorthin, um zu schauen, wie es dem Mann jetzt ginge. Als sie ankamen war bereits ein Nachbar bei ihm, der sich ein wenig um den Mann gekümmert hatte. Doch der Obdachlose verstarb innerhalb von zehn Minuten auf der Straße – nicht an der Kälte, sondern an einer Krankheit, die er vorher bereits gehabt hatte. Das war für das Team eine sehr existenzielle Erfahrung. Es zeigt zum einen, wie begrenzt wir in unserem Tun sind. Zum anderen hat es etwas Tröstliches, dass der Mann nicht einsam gestorben ist. Es waren Menschen bei ihm. Wir können mit dem Kältebus sicherlich viele Menschen vor dem Tode retten, aber wir können kein Leid aufhalten, das bereits seit Langem existiert. (vdo)

Weitere Angebote und Informationen


•    0178 523 58 38 Kältebus der Berliner Stadtmission
•    030 600 300 1010 Wärmebus des Deutschen Roten Kreuzes
•    030 810 560 425 Berliner Kältehilfe
•    Berliner Kältehilfe-App. Kostenloser Download für Android oder iOS
 

„Nacht der Solidarität“: Am 29. Januar 2020 findet in Berlin eine Premiere statt: Erstmals in Deutschland werden in dieser Nacht alle obdachlosen Menschen gezählt und befragt, die auf der Straße schlafen. Hier können Sie sich als freiwillige*r Helferi*in registrieren.

 

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