Das kleine Kino am Rande der Stadt

Zigmal vorbeigefahren. Zigmal gedacht: „Da möchte ich mal hin.“ Endlich angehalten und reingegangen. Es hat sich gelohnt. Die Neuen Kammerspiele Kleinmachnow sind ein Kino, wie es sie heute nur noch selten gibt. Ende 2012 wurden das Lichtspielhaus in der kleinen Gemeinde südlich von Berlin über eine Kulturgenossenschaft erfolgreich wiederbelebt. Und spätestens seit 2016, als dieses besondere kleine Kiez-Kino zum ersten Mal Bestandteil der Programms „Berlinale Goes Kiez“ wurde, zieht es auch immer mehr Berlinerinnen und Berliner dorthin.

„16.00 Uhr Feuermann Sam“, „18:00 Uhr Die Frau des Nobelpreisträgers“, „20:15 Der Junge muss an die frische Luft“. In schwarzen Plastik-Lettern prangen die Filmtitel samt Uhrzeiten leicht schief vor leuchtendem Hintergrund. Die Programmankündigungen über dem Eingang der Neuen Kammerspiele in Kleinmachnow erinnern – ebenso wie die mit rotem Stoff bezogen hölzernen Klappstühle im Saal – an vergangene Zeiten: Als das Kino noch Treffpunkt für Jung und Alt war. Wo man den Filmvorführer noch persönlich kannte. Wo sich Paare in der vor Blicken schützenden Dunkelheit zum ersten Mal küssten. Und wo Westernhelden auf der Leinwand mit stahlhartem Blick das Böse besiegten und grobanimierte Monster den Besuchern mit ihren unbeholfenen Bewegungen eiskalte Schauer über den Rücken jagten.

Freiheit ist für mich, dass man seine Lebenszeit auf das verwenden kann, was einen froh macht. Je mehr Menschen um einen herum sind, die diese Freiheit leben können, desto glücklicher und toleranter wird die Gesellschaft.
Valeska Hanel, Kinoleitende Vorständin Neue Kammerspiele Kleinmachnow

Die meisten von uns kennen solch Orte inzwischen nur noch aus Filmen. Auch in der Kulturmetropole Berlin wurden die meisten dieser kleinen, charmanten Kiez-Kinos von technisch besser ausgestatteten größeren Häusern verdrängt. Doch das Kiez-Kino kommt zurück. Auch in Kleinmachnow, einer 20.000-Seelen-Gemeinde südlich von Berlin. Das hat seinen guten Grund: „Kiez-Kinos liegen nicht nur bequem um die Ecke, sie sind außerdem eine Begegnungsstätte. Hier trifft man alte und neue Freunde und kann nach der Vorführung über einem Glas Wein den Film noch ausgiebig diskutieren“, sagt Valeska Hanel und fügt hinzu: „Auch die Leute hinter dem Verkaufstresen kennt man. Das hat etwas sehr Familiäres.“ Die Film- und Kinoenthusiastin muss es wissen. Seit 2013 ist sie Chefin des Kinoprogramms in den Neuen Kammerspielen, die Ende 2012 als kleines Arthouse-Kino am Rande der Stadt wiederbelebt wurden.

„Unser Lichtspielhaus ist bereits seit den 1930er-Jahren ein wichtiger Bestandteil der Gemeinde. Auch zu DDR-Zeiten wurde es als Kino genutzt. Nach der Wende drohte dann die Schließung. Aber mit einem neuen Konzept haben wir die Neuen Kammerspiele Ende 2012 aus dem Dornröschenschlaf geweckt“, sagt Valeska Hanel. Neues Konzept, das heißt in diesem Fall: Das Kino ist heute eine Kulturgenossenschaft – die bisher einzige in Brandenburg. Und die „Genossen“, das sind rund 200 Kleinmachnowerinnen und Kleinmachnower, die Anteile daran erworben haben und damit ihre Ideen in die Weiterentwicklung des Hauses und seines Programms einbringen können. Letzteres wiederum umfasst neben dem Kino auch eine bunte Veranstaltungsreihe, für deren Gestaltung die Geschäftsführerin Carolin Huder zuständig ist. Außerdem gibt es die Kulturkneipe „Schröders“.

 

Das Konzept der Neuen Kammerspiele kommt an: „Das Besondere an uns ist, dass wir einen sehr engen Draht zu unsern Kunden haben. Sie können sogar Programmwünsche äußern. Und Formate wie unser ‚Lieblingsfilm mit Schwipps’, bei dem wir einmal im Monat einen besonderen Film zeigen mit jeweils einer kurzen Einführung und einem passenden Kaltgetränk dazu, sind bei unserem Publikum sehr beliebt“, erläutert Valeska Hanel und ergänzt. „Neulich traf ich eine unserer Kundinnen auf der Straße und sie erzählte mir, dass sie vor allem wegen der Neuen Kammerspiele nach Kleinmachnow gezogen sei. So etwas freut uns natürlich sehr.“

 

Auf eine persönliche Ansprache der Besucherinnen und Besucher legt das Team der Neuen Kammerspiele großen Wert, denn nur so lässt sich eine Identifikation mit dem Haus erreichen. Entsprechend sympathisch ist die Tonalität von Website und Newsletter. Ungewöhnliche Aktions-Ideen wie das Verstecken von „Kultur-Eiern“ in der Gemeinde zur Osterzeit, die Vergabe von „Stuhlpatenschaften“ zur Renovierung der Bestuhlung im Saal oder der Umbau des historischen Kassenhäuschens zur „Kinobewertungsstelle Kleinmachnow“, in der Besucher Filmkritiken als Videos einsprechen können, sorgen ebenfalls für Kundenbindung. Auch das Film-Programm des Arthouse-Kinos ist der Struktur und den Vorlieben der Gemeinde angepasst. Valeska Hanel: „In Kleinmachnow leben sehr viele Familien mit Kindern. Insofern zeigen wir ein sehr ausgefeiltes Kinderprogramm. Und da unser Publikum vor allem wegen der Geschichten in unser Kino kommt, sind auch viele Bio-Pics dabei. Generell liegt unser Programm-Fokus aber auf anspruchsvollem europäischen Film.“

Spätestens seit die Neuen Kammerspiele 2016 zum ersten Mal Teil der Sonderreihe „Berlinale Goes Kiez“ der Internationalen Filmfestspiele waren, zieht es auch immer mehr Berlinerinnen und Berliner in das kleine Kino am Rande der Stadt. „Dass wir Teil des Kiez-Programms waren, hat die Kleinmachnowerinnen und Kleinmachnower  natürlich sehr gefreut, denn es brachte Glamour in die Gemeinde“, erinnert sich Valeska Hanel. „Viele Menschen aus Berlin haben außerdem realisiert, dass unser Kino ganz gut zu erreichen ist, zum Beispiel mit der S-Bahnline 1.“ Berlin sei zwar eine spannende Stadt mit einem großartigen kulturellen Angebot. Manchmal könne einem diese Mannigfaltigkeit aber auch etwas überfordern, meint Hanel, die selbst aus der Nähe von Köln und lebte lange in New York und Berlin lebte, bevor sie mit ihrer Familie nach Kleinmachnow zog. Sie ergänzt: „Kiez-Kinos wie das unsere begegnen dieser Mannigfaltigkeit mit einem familiären Ambiente und einem Hauch von Romantik.“

Fotos:
© Neue Kammerspiele Kleinmachnow, Foto Valeska Hanel: © Max Schwarzlose

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