Das Prinzip Hoffnung

Tanzen macht Spaß. Vor allem in der Gruppe. Und man lernt dabei viel über sich selbst. Alica Paeske bringt sozial benachteiligten Jugendlichen das Tanzen bei und erarbeitet mit ihnen erstaunliche Choreografien. Nicht im Walzerschritt oder Foxtrott, sondern mit Hip-Hop, Salsa, Musik und Poesie. Die 27-jährige Wahlberlinerin verhilft den jungen Menschen damit zu neuer Lebensperspektive. Nicht von ungefähr hat sie ihr 2014 gegründetes Start-up sPERANTO genannt. Denn Tanz vermittelt Hoffnung – und ist zugleich eine Sprache, über die sich jeder verständigen kann. Auch über kulturelle und soziale Grenzen hinweg.

Tanzen ist für mich Freiheit. Denn Freiheit entsteht aus dem Inneren heraus. Beim Tanzen kann man seine Gefühle rauslassen. Alles um sich herum vergessen.
(Alica Paeske, Tänzerin, Choreografin, Gründerin von sPERANTO)

Frau Paeske, in einem Ihrer Videos sagt ein junger Tänzer: „Ohne das Tanzen wäre ich abgerutscht.“ Welches Ziel hat sPERANTO?
Tanzen stärkt das Selbstbewusstsein, das Durchhaltevermögen und die Empathie. Jugendliche, mit denen wir arbeiten, lernen, sich in der Gruppe zu öffnen, mehr an sich zu glauben und über sich hinaus zu wachsen. Sie lernen außerdem, gemeinsam für ein Ziel zu kämpfen und sich im Team gegenseitig zu unterstützen. Tanz in der Gemeinschaft bietet einen sicheren Raum, in dem man sich entwickeln kann. Persönliche, soziale und berufliche Chancen erhöhen sich. Wir nennen das „Empowerment“.

Fließen eigene Erfahrungen in Ihre Arbeit mit ein? 
Ja. Ich habe bereits mit 11 Jahren angefangen zu tanzen. In der Schule habe ich früh erlebt, wie Kinder gemobbt und psychische Auffälligkeiten nicht ernst genommen wurden. Später, als wir Tänzer mit und ohne Migrationshintergrund zusammen ausgingen, sind wir selten gemeinsam in die Disco gekommen. Solche Erfahrungen haben meine Arbeit beeinflusst. Durch den Tanz bin ich selbst viel stärker geworden. Das wollte ich Jugendlichen ermöglichen, die den Zugang zum Tanz nicht so hatten wie ich. 

Wann startete Ihr Projekt? 
Die Idee zu sPERANTO kam mir bereits mit 16 Jahren. Esperanza heißt auf Spanisch Hoffnung. Realisiert habe ich das erste Tanzprojekt 2014. Ich studierte damals Kultur- und Medienpädagogik in Merseburg. Für meine Bachelorarbeit erarbeitete ich ein Hip-Hop-Projekt mit sozial benachteiligten Jugendlichen in Halle/Saale. Ich sah, wie viel solche Projekte bewirken können und machte weiter. Kurz darauf bin ich nach Ecuador geflogen und habe über einen sozialen Kooperationspartner vor Ort ein Tanz- und Musikprojekt mit Jugendlichen initiiert, die auf der Straße arbeiteten. Und so ging es weiter. Seit diesem Jahr sind wir ein Team mit drei festen und einigen ehrenamtlichen Mitarbeitern. Unser Ziel für 2019 ist es, 10 Projekte in 10 Ländern zu realisieren.  

Sie haben als Tänzerin und Choreografin für namhafte Künstlern wie die Black Eyed Peas und  Peter Fox gearbeitet und in großen Shows getanzt. Was gibt Ihnen die soziale Arbeit mit Jugendlichen?
Es sind vor allem die kleinen Momente. Die zeigen einem, dass man wirklich etwas bewegt. Wenn etwa ein Mädchen in Ecuador ihre Geschichte im Song verarbeitet und mit leuchtenden Augen singt. Oder wenn wir mit Obdachlosen in Berlin Salsa tanzen und diese einem dann sagen, dass ihnen der Tanz mehr gibt als Drogen. Das ist schon toll!  

Ihr tänzerischer Schwerpunkt ist Hip-Hop. Warum?
Über Hip-Hop finde ich besonders authentischen Zugang zu Jugendlichen. Ich tanze und choreografiere den sogenannten Old-School-Hip-Hop, der seine Wurzeln in den späten 1970ern hat. Hip-Hop war schon immer mein Ding. Mein zweiter Schwerpunkt ist Salsa. Aber wir integrieren auch Elemente anderer Tanzstile, Musik und Poesie. Man muss einfach schauen, mit welchem Medium man jeweils künstlerisch am besten arbeiten kann. Zum Abschluss der mehrmonatigen Projekte drehen wir ein 360-Grad-Video und die Jugendlichen treten öffentlich auf. 2017 hatten wir beispielsweise eine Aufführung in der Berliner Ufa-Fabrik. 

Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Projekte aus?
Wir arbeiten aktiv mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen. Darunter Jugendeinrichtungen, die Caritas, der Paritätische Gesamtverband und die Hochschule Merseburg. Die Teilnehmer unserer Projekte sind Mädchen und Jungen zwischen 13 und 29 Jahren. Es geht uns um die Förderung sozial benachteiligter Jugendlicher, seien es Geflüchtete, Mädchen, die sexueller Gewalt ausgesetzt waren oder Jugendliche, die aus dem Strafvollzug entlassen wurden.


Haben Sie ein Lieblingsprojekt?
Das ist schwer zu sagen. Jedes Projekt für sich genommen ist einzigartig. Es gab allerdings immer wieder Highlights. Zum Beispiel, als in unserem Projekt „Berlin-Tempelhof“ nicht-geflüchtete und geflüchtete Mädchen zusammen eine Choreografie erarbeiteten. Das war sehr bewegend, weil hier unterschiedliche Welten zusammen kamen und etwas Großartiges entstand. Oder wenn Jugendliche, mit denen wir vor Jahren ein Tanzprojekt im niedersächsischen Peine umgesetzt haben, immer noch zusammen auftreten. 

sPERANTO wurde für diese Arbeit bereits mehrfach prämiiert ...
Ja. 2017 wurde ich vom Land Niedersachen als Kreativpionierin ausgezeichnet. Außerdem erhielten wir das von SAP vergebene Startery Start-up-Stipendium für Unternehmen in der Gründungsphase. Dies gibt uns die Möglichkeit, unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Bei der Realisierung unserer Projekte möchten wir künftig stärker mit Unternehmen zusammenarbeiten. Diese erhalten damit die Chance, weltweit und nachhaltig einen relevanten Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Tolle Unterstützung erhalten wir bereits von verschiedenen Videoproduktionsfirmen, ehrenamtlichen Mitarbeitern sowie lokal ansässigen Künstlern. Darunter Tänzer, Sänger, Theaterpädagogen, Songwriter und Schauspieler.  

Warum sitzt sPERANTO in Berlin?
Ich bin erst vor vier Jahren nach Berlin gezogen. Die Stadt ist einfach der perfekte Standort, um sich schnell mit anderen Gründern und  Kreativen aus aller Welt zu vernetzen. Es gibt hier viele Menschen und Unternehmen, die etwas bewegen und ihre Ideen voranbringen wollen. Berlin hat außerdem eine sehr aktive Hip-Hop-Szene. Berlin ist einfach eine coole Stadt!

 

Fotos: © sPERANTO

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